Debatten und Diskussionen im Informatikunterricht kommen meiner Ansicht nach viel zu kurz. Der Lehrplan bietet jedoch zahlreiche Anknüpfungspunkte, bei denen sich SchülerInnen gesellschaftskritisch mit Informatikthemen auseinandersetzen können. Im aktuellen Grundkurs der 12. Klasse hatte ich für eine Unterrichtsstunde die Gelegenheit, genau dies zu tun. Thematisch befanden wir uns am Ende des Moduls „Datenbanksysteme“, weshalb ich folgende These in den Raum stellte:

Schulische Leistungsdaten aller Fächer (z. B. Tests, Klausuren und praktische Arbeiten) sollten dauerhaft in Datenbanken gespeichert und zukünftigen ArbeitgeberInnen zugänglich gemacht werden.

Die These spricht die Lebenswelt der SchülerInnen direkt an, was sich sofort in der Raum-Stimmung bemerkbar machte. Um zu verhindern, dass die SchülerInnen zu sehr an ihrer eigenen Überzeugung festhalten, bildeten wir vier Gruppen: Zwei Pro-Teams, vertreten durch die ArbeitgeberInnen und die Schulleitungen bzw. Lehrkräfte, sowie zwei Contra-Teams, bestehend aus der Schülerschaft und den Datenschutzbeauftragten. Die Teams hatten 15 Minuten Zeit, ohne Hilfsmittel gemeinsam Argumente für ihre Position zu erarbeiten.

An den Tischen wurde bereits lebhaft diskutiert, die Gruppen konnten dabei aber weitgehend produktiv in ihren Rollen bleiben. Im Anschluss bildeten alle einen Sitzkreis, und die Schülerschaft begann mit ihrem ersten Gegenargument. Ein Contra-Team durfte anschließend erwidern. Die Argumente wurden jeweils im Stehen vorgetragen. So entstand ein teilweise energischer Schlagabtausch, bei dem man manchmal kaum unterscheiden konnte, ob die Vortragenden tatsächlich so dachten oder nur ihre Rolle spielten.

Die Argumente waren erstaunlich vielfältig, vor allem, da keine Recherche vorab erlaubt war. Es wurden Themen wie Überwachung (sogar Palantir wurde von den Datenschutzbeauftragten als Negativbeispiel genannt), Rassismus, Missbrauch durch politische Akteure, die Aussagekraft von Schulbildung, soziale Ungleichheit und weitere Aspekte beleuchtet.

Nach der Debatte versuchten wir, den Kerngedanken hinter der These zu abstrahieren. Antworten wie „Etwas Vergangenes entscheidet durch dauerhafte Speicherung und Zugriff über zukünftige Folgen“ begeisterten mich. Schließlich einigten wir uns auf den Kernkonflikt:

Effizienz & Objektivität vs. Freiheit, Entwicklung & Vergessen

Das bedeutet, dass Vergangenheitsdaten zur objektiven Bewertung von Menschen herangezogen werden, was zukünftige Chancen beeinflusst, und dass dies dem Recht auf Vergessen und auf persönliche Entwicklung entgegensteht. Daten machen die Vergangenheit messbar, aber sie bestimmen die Zukunft.

Im nächsten Schritt versuchten die SchülerInnen, den Kernkonflikt in anderen aktuellen gesellschaftlichen Situationen wiederzufinden. Die Schufa und die Kreditwürdigkeit kamen zur Sprache, ebenso die elektronische Patientenakte, aber auch allgemeinere Situationen in Bildung, Strafverfolgung und Migration.

Zum Abschluss sollte jede:r vier bis fünf Leitfragen formulieren, die helfen, zu prüfen, ob eine politische oder gesellschaftliche Entscheidung vor diesem Kernkonflikt steht. Wir einigten uns auf folgende fünf Fragen:

1. Wer sammelt die Daten – und warum?

2. Wie lange dürfen Daten „wirken“?

3. Wer entscheidet über Interpretation und Gewichtung?

4. Gibt es ein Recht auf Neubeginn oder Vergessen?

5. Welche Daten fehlen – und wen benachteiligt das?

Danach waren alle geistig gut beansprucht, und wir widmeten uns zur Entspannung noch ein paar JOIN-Abfragen in SQL :)